Junge Freiheit Verlag Gmbh
08/03 14. Februar 2003

Steinerne Umerziehung
von Claus M. Wolfschlag
Abgesehen von den vielen Bombentoten des Zweiten Weltkriegs hat diese Form der Kriegführung auch enorme Schäden an der historischen Bausubstanz in Deutschland hinterlassen. Die Ursachen dieser immensen Zerstörung deutschen Kulturerbes sind nicht allein im Krieg und der Aggression von außen zu suchen. Sie haben auch mit ideologischen Positionen und bewußten Entscheidungen in der Zeit nach dem Krieg zu tun.
Einige Schutzmaßnahmen, vor allem Inventarsicherungen konnten, von den deutschen Behörden noch während des Krieges durchgeführt werden. Altäre und wertvolle Kunstgegenstände wurden in Keller und Bunker ausgelagert und entgingen so der Zerstörung. Sicherungsvorkehrungen wurden allerdings mit zunehmender Härte des Krieges, als schließlich englische und amerikanische Bomberverbände pausenlos ihre Angriffe zu fliegen begannen, immer unzureichender. Dennoch versuchte man in Ahnung der Katastrophe rührend, Wand- und Deckenmalereien durch frühe Farbfotografien für die Zukunft zu überliefern, durch Beschreibungen bald dem Untergang geweihter Bauwerke in Bild und Schrift der nachfolgenden Generation noch einen Abglanz der Erinnerung zu erhalten.
Den Anfang der Zerstörung bildete der Luftangriff vom 28. 3.1942, bei dem innerhalb von drei Stunden ein Zehntel der über Jahrhunderte gewachsenen Altstadt von Lübeck in Schutt und Asche gelegt wurde. Von da an brachten immer mehr Flugzeuge ihre tödliche Fracht nach Deutschland. Am 8. Mai 1945, dem Tag des Waffenstillstands, zeigte sich das Deutsche Reich als Trümmerfeld. Allein in Westdeutschland wird von 431.000 total zerstörten Wohngebäuden ausgegangen. Der Trümmerschutt wird hier auf 311 Millionen Kubikmeter geschätzt. Nach dem Krieg rechnete man etwa 20 Prozent der deutschen Baudenkmale als für immer verloren. Entschied man sich in der Nachkriegszeit für den Wiederaufbau beschädigter Bausubstanz, wurde um den Weg gestritten, wie historisch detailgetreu dieser zu verlaufen habe.
Die Bomben waren aber erst der Anfang der Zerstörung. "In Deutschland ist nach dem Kriege mehr Schutzwürdiges zerstört worden als während des Krieges", dieses Fazit zog Bundespräsident Walter Scheel 1975 anläßlich des "Europäischen Jahres des Architekturerbes". Scheels Äußerung ist im Zusammenhang mit einem ab Mitte der Siebziger Jahre einsetzenden Bewußtseinswandel in der Haltung zum Bauerbe zu sehen. Das Verständnis für die Schönheit der alten Städte begann fortan wieder zu wachsen, der Unmut über allerorten emporschießende Betonburgen äußerte sich offener, der Frankfurter Häuserkampf gegen die kapitalistische Bodenspekulation stand vor der Tür, der Denkmalschutz erhielt einen größeren Stellenwert in der Gesellschaft.
Vieles, was heute als Baudenkmal gilt, vor allem aus der Zeit des wilhelminischen Historismus, wurde noch in den fünfziger und sechziger Jahren als überflüssiger Plunder der Vergangenheit abgerissen. Nach einer Statistik von 1985 sind 66 Prozent des Baubestandes der damaligen Bundesrepublik erst nach 1948 entstanden. Es war also die baugeschichtlich einmalige Situation entstanden, daß eine einzige Generation zwei Drittel der gebauten Umwelt ihres Landes bestimmt hatte. Die Reste einer von Jahrhunderten geprägten vielfältigen Architekturlandschaft befanden sich in einer absoluten Minderheitenposition gegenüber einem dominierenden, zumeist monotonen Zeitstil.
So stehen wir heute vor der traurigen Bilanz, daß eine große Zahl Deutscher ihre Heimat und ihre Städte vor allem als eine Ansammlung liebloser, zusammenhangsloser Bauklötze erlebt, oft noch durch Graffiti verunziert, und als genormte Fußgängerzonen mit großen Schaufensterauslagen, schließlich als chronisch verstopfte, den Stadtkörper durchtrennende Hauptverkehrsadern. Dies wird leicht durchsetzt durch eine vorzugsweise kulturell genutzte, dekonstruktiv arbeitende Vorzeige-Architek-tur, vor der einige sich kunstbeflissen Wähnende gelegentlich ein "Ah" oder "Oh" hauchen. Und diese Szenerie ist umrandet von sterilen Gewerbeparks, von Lagerhäusern mit Metallplattenverkleidung, die sich in die Landschaft hereinfressen. Jedes Jahr im Sommer entfliehen verständlicherweise die Deutschen ihrer Alltagshölle in ausländische Städte wie Florenz, Rom, Amsterdam, Paris oder Rothenburg ob der Tauber und knipsen dort Fotos vor gotischen Kirchen oder Renaissancepalästen.
Den Ursprung, wenn auch nicht die alleinige Ursache für die Misere kann man im Bombenkrieg des Zweiten Weltkriegs ausmachen. "Der Bombenkrieg bleibt manifest in der Häßlichkeit unserer Städte. (...) Der Bombenkrieg hat uns dazu verurteilt, häßliche, vergangenheitslose Städte zu bewohnen. Man kann sie nicht rückhaltlos lieben. Das ist eine Demütigung, die sich fortpflanzt", schreibt Doris Neujahr (JF 50/02).
Das heutige geschichtslose Antlitz Deutschlands hat seine Ursache nicht nur im Bombenkrieg. In einem unlängst im Internet verbreiteten Aufruf zum Wiederaufbau der Leipziger Paulinerkirche heißt es: "Ohne die Kulturbarbarei der SED verharmlosen zu wollen: In allen Regionen Deutschlands ist in den letzten Jahrzehnten viel Wertvolles vernichtet worden. Das Stadtschloß und die Bauakademie sind nur die bekanntesten Beispiele einer langen Reihe von historischen Bauten, die in Ost-Berlin nach dem Krieg abgerissen wurden. Auf der Fischerinsel wurde der gesamte alte Stadtkern Berlins dem Erdboden gleichgemacht und durch Plattenbauten ersetzt. Aber auch im Westteil war man nicht viel zimperlicher: Anhalter, Lehrter und Potsdamer Bahnhof sowie Kroll-Oper wurden gesprengt, der Martin-Gropius-Bau und das Charlottenburger Schloß entgingen diesem Schicksal nur knapp.
In Braunschweig wurde das Stadtschloß abgerissen, in Frankfurt am Main das Palais Thurn und Taxis sowie Teile der Altstadt, die den Krieg überstanden hatten; ebenso eine Vielzahl wunderschöner alter Villen und Gründerzeithäuser. Der berühmte Architekt und Stadtplaner Ernst May entpuppte sich als Miniatur-Ulbricht, als er in Wiesbaden nicht nur die bekannte Villa Clementine abreißen wollte, sondern auch ein komplettes gewachsenes Stadtviertel sowie Teile der Altstadt plattmachen und durch scheußliche Wohnkästen ersetzen wollte, wie sie am Stadtrand (zum Glück überwiegend dort) auch gebaut wurden. Auf die unzähligen unter SED-Herrschaft vernichteten Bauwerke in ganz Ostdeutschland verweise ich nur pauschal."
Niemand hätte es also den deutschen Stadtplanern verboten, sich beim Wiederaufbau an den überkommenen stadtplanerischen Straßenrastern zu orientieren. Statt dessen wurden breite Schneisen für den Autoverkehr durch die Städte gestoßen. Niemand hätte verboten, nach Behebung der gröbsten Wohnungsnot, ansprechende, in Maß und Form an den historischen Vorbildern orientierte Bauten auf den Brachflächen zu erstellen. Statt dessen wurden mit Erringen größeren Wohlstands oft immer monströsere, die Maßstäbe des Überkommenen sprengende Wohn- und Gewerbeburgen errichtet. Eine weitverbreitete Mentalität in der Bauzunft und Politik verschaffte sich Gehör, die in der Zerstörung historischer Strukturen die Chance auf "tabula rasa", auf einen umfassenden modernen Umbau des ganzen Landes sahen. Die "alte Stadt" sollte verschwinden, um der Utopie einer neuen, klinisch-sterilen, egalitären, der demokratischen Zukunft zugewandten "City" Platz zu machen. Diese Leitbilder bestimmen unbewußt noch immer weite Teile der Architektur-Hochschulen und des dort gezüchteten Nachwuchses. Und so wird auch um die Pfründe gekämpft. Beispielsweise, wenn man in der Presse das immer wieder beliebte Argument hört, bei der Neugestaltung des bislang brachliegenden Dresdner Neumarktgeländes doch auch der modernen Architektur "eine Chance" zu geben. Die unterdrückte Position wird hierbei vorgetäuscht. In Wirklichkeit stehen der vom Bauhaus beeinflußten Architektur 99 Prozent der Stadtfläche als Austobe-Areal zur Verfügung. Die Zunft kann es aber nicht verwinden, daß auf dem kleinen Neumarkt-Gelände ein barockes Alternativmodell Form annehmen könnte, das das Versagen eines unsinnlichen Modernismus deutlich vor Augen führen würde.
Solche modernistischen Leitbilder haben ihren Ursprung übrigens nicht nur im sozialistischen und sozialdemokratischen Milieu, sondern bereits bei der NS-Elite. Albert Speer berichtet in seinen Erinnerungen, daß sich Hitler 1944 für eine weitgehende Beseitigung sogar der von Fliegerangriffen verschonten Baudenkmäler ausgesprochen hatte. Der Wiederaufbau des schwer beschädigten Mannheimer Schlosses, immerhin das drittgrößte Schloß in Deutschland, wurde 1944 auch von Gauleiter Robert Wagner in Frage gestellt.
In der DDR wurde der Wunsch nach Modernisierung mit dem Haß auf Symbole der "feudalen" Vergangenheit verbunden. Deshalb mußte unter anderem das Berliner Stadtschloß der Spitzhacke weichen. Das kleingeistige Ressentiment der SED-Sozialisten fand allerdings im Westen seine Entsprechung in sozialdemokratischer Formlosigkeit. Das Grundraster westdeutscher Städte mit ihren schier endlosen "Neue Heimat"-Silos, Großparkplätzen und Supermärkten können in ihrer Häßlichkeit durchaus als idealtypische Ästhetik einer sozialdemokratischer Geisteshaltung interpretiert werden.
Beispiel Kassel, SPD-Hochburg: Das Areal der zerstörten Altstadt wurde durch eine breite Verkehrsschneise in zwei ungleiche Hälften zertrennt, der alte Marktplatz verkam zu einer großen, fast gänzlich unstrukturierten Straßenkreuzung. Zur Zeit wird das Altstadtareal östlich der Fulda, die sogenannte "Unterneustadt", nach Jahren der Brache wiederaufgebaut. Allerdings nur als sogenannte "kritische Rekonstruktion". Hinter dem positiven Allerweltsbegriff verbirgt sich, daß man sich zwar an das ehemalige Straßenraster der Altstadt hält, dieses aber mit modernen Flachdachklötzen aus Stahl und Glas auffüllt, eng aneinander gepreßt und mit einigen scheinbar originellen Details, zum Beispiel disharmonischen Balkonauskragungen, garniert. Von der Ruine des einst mächtigen Zeughauses, 1943 bis auf die Außenmauern ausgebrannt, sind die oberen Geschosse abgerissen worden und in den Achtziger Jahren nochmal zwei Drittel in der Länge, um Platz für einen sterilen Berufsschulkomplex zu schaffen, der ausgerechnet an dieser Stelle errichtet werden mußte. Allenfalls eine Ruinensicherung und -nutzung ist heute im Gespräch. Eine Rekonstruktion wenigstens des letzten erhaltenen Teils des einst bedeutenden stadtgeschichtlichen Baus, und damit eine Aufwertung des ihn umgebenden langweiligen Wohnviertels, kommt keinem der Verantwortlichen in den Sinn. Eine wahre Schande für die "Documenta"-Stadt.
Ein anderes Beispiel: Braunschweig. Dieter Bartezko schrieb hierzu in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 26. Januar 2001: "Viele Spötter übersahen, daß in diesem Hin und Her die geteilte Nation eins geblieben war: Wie in Ost-Berlin das Wort vom preußischen Militarismus, so diente 1960 in Braunschweig der Verweis auf die SS, die zuletzt das dortige Schloß genutzt hatte, als schlagendes Argument für das späte Schleifen der Ruine." Das Anfang des 19. Jahrhunderts erbaute Herzogsschloß prägte fast 130 Jahre lang das Stadtbild. Ende 1944 wurde es durch einen Luftangriff schwer beschädigt. Nach Kriegsende entbrannte eine Diskussion, was mit der Schloßruine, deren Umfassungsmauern weitgehend erhalten geblieben waren, zu geschehen habe. 1955 übereignete das Land Niedersachsen die Ruine der Stadt Braunschweig mit der Verpflichtung, das Schloß innerhalb von fünf Jahren entweder instand zu setzen oder abzureißen. Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung war für den Wiederaufbau, Unterschriften wurden von einer Bürgerinitiative gesammelt. Eine Art Stadthalle mit Kinos und Restaurants sollte in seinen Mauern entstehen. Die Zeit für eine Entscheidung drängte, doch die mit absoluter Mehrheit regierende SPD wollte das Schloß ohnehin als Symbol monarchischer Herrschaft und wegen einer kurzen Nutzung als SS-Junkerschule abreißen. Proteste des Landesvereins, der Fakultät für Bauwesen, der Kunstgeschichtlichen Gesellschaft in Hannover stießen auf taube Ohren. Der Rat der Stadt entschied 1960 mit 25 zu 23 Stimmen für den Abriß. Trotz starker Proteste wurde der Abriß auch durchgesetzt und auf dem Gelände der heutige "Schloßpark" angelegt. Einer der SPD-Ratsherren gab damals zu Protokoll: "Wir tragen gern die Verantwortung, das sage ich deutlich."
Dieser halsstarrige Ungeist herrscht bis heute vor: Ab Ende der achtziger Jahre gab es mehrfache Bestrebungen, unter anderem eines Vereins "Wettbewerb Braunschweiger Schloß" um Michael Munte und Richard Borek, eine Rekonstruktion des Schlosses mit eingebautem Kino zu errichten. Das Projekt wurde politisch ausgetrocknet. In einer Internetmitteilung der SPD werden heute hanebüchene Argumente gesucht, um eine Rekonstruktion zu verhindern: Es würde eine Grünfläche wegfallen. Daran eventuell angebrachte Werbebeleuchtung würde das Schloß ohnehin häßlich machen. Mögliche Kunden würden von der City abgezogen. Auswärtige könnten über unprofessionelle Rekonstruktion spotten. Es gäbe eine unschöne Großbaustelle in der Innenstadt.
Ein Beispiel der Muster sozialdemokratischer Argumentation: Die SPD verlautbart: "Es käme zu optischen Konflikten mit dem Hortenhaus und dem angrenzenden großen Ziegelgebäude und nicht zuletzt mit dem Bohlweg, der heute die Anmut einer Ketchupzeile hat. Kurz und gut: Ein Schloß paßt weniger in diese Umgebung denn je." Anders ausgedrückt, ein Schloß stört stilistisch die empfindlichen Augen der im Laufe der Jahren angesiedelten Kaufhauspassanten und Pommes-Buden-Inhaber.
Viele deutsche Städte sind durch den Bombenkrieg letztlich in Beton-, später in Stahl- und Glaswüsten verwandelt worden. Immer wieder versuchten die Baumodernisten, Bürgerinitiativen und abweichende Architekten, die daran etwas ändern wollten, einzuschüchtern. Jedoch hat der Druck aus der Bevölkerung auch stets Wirkung gezeigt. Der Zustand unserer Städte seit dem Bombenkrieg muß nicht so bleiben. Heute noch wird versucht, den Ergebnissen des Bombenkrieges ein Schnippchen zu schlagen. Die Stadtschlösser in Berlin und Potsdam stehen zum Wiederaufbau an. Auch auf dem Land tut sich einiges. Soeben wurde das ausgebrannte Schloß der hessischen Landgrafen in Offenbach-Rumpenheim, das noch in den siebziger Jahren nach SPD-Plänen einem gigantischen Wohnhochhaus weichen sollte, zu einem Luxus-Appartement-Haus ausgebaut. Derzeit wird geplant, die ruinöse Deutschordenskommende in Aldenhoven-Siersdorf zur Altenwohnanlage herzurichten. Ideen sind gefragt. Morgen vielleicht könnte eine Bürgerinitiative in Dortmund auf die Idee kommen, daß im Krieg zerstörte spätromanische Rathaus von 1232, eines der ältesten und bedeutendsten Deutschlands, das 1954 ohne Not abgebrochen wurde, wiederherzustellen. Warum auch nicht? Wir sind frei, wir können bauen, was wir uns wünschen, wir können die Wunden des Bombenkrieges auch schließen, und Rekonstruktionen können dabei helfen, Stadtvierteln wieder ihre Mitte zu geben.

Dr. Claus-M. Wolfschlag schrieb in JF 45/02 über den "Architekturstreit" in Frankfurt am Main.