Mein Ursprünglicher Artikel

Graffiti
Mitte der 80er Jahre schwappte der in New Yorker Ghettos entstandene Trend zum illegalen Besprühen von Hauswänden nach Europa über. Beschränkte sich „Graffiti" bis dahin auf Polit-Parolen, so begannen nun Initialen und Comicbilder meist dürftigen Inhalts die Städte zu durchwuchern. Mittlerweile werden jährlich bundesweit etwa 500 Millionen Euro benötigt, um Graffiti-Schäden zu beseitigen. Gerade in den Ballungsräumen werden Immobilienbesitzer mit ständigen ungewollten Verunzierungen ihrer Hauswände belästigt. Fassaden dürfen nicht mehr natürlich altern, kein Moos, keine Patina ansetzen.
Um Graffiti verstehen zu können, muß man den Hintergrund sehen. Für junge Sprayer aus bürgerlichen Elternhäusern, also durchaus gehobenen sozialen Schichten, bedeutet das illegale Sprayen vor allem einen Adrenalin-Kick. Man verhält sich scheinbar human, verübt allenfalls sanfte Gewalt gegen Sachen, kann sich aber mit der Polizei spannende Katz-und-Maus-Spiele liefern. Diese Aktivität wird offiziell mit der Rückgewinnung von öffentlichem Raum begründet, der von der Erwachsenenwelt entzogen worden ist. Und wahrlich ist die „Verwahrlosung" der Jugend auch ein Resultat von „Verwahrlosung" der Erwachsenen. Täglich werden aus plumpem Profitstreben sterile Betonmauern, Autobahnrampen, Fertigbauhallen in unsere Heimat geklotzt, werden Straßen und Hausfassaden mit Werbetafeln, immer größer und aggressiver leuchtend, zugepflastert. Nur in seltensten Fällen spielen dabei ästhetische Überlegungen eine Rolle, wird empfindsam und mit Schönheitssinn gestaltet.
Der Inhaber einer professionellen Graffiti-Agentur äußerte vor einigen Jahren sinngemäß: „Wenn die Leute sagen, sie wären nicht gefragt worden zu einem Graffiti auf der gegenüber liegenden Hauswand, entgegne ich: `Wurde ich gefragt, als an meinem Nachbarhaus eine große Reklametafel angebracht wurde, die ich täglich anschauen muß?´" So klagen die Sprayer über die angeblich repressive Praxis der Ordnungsbehörden. Zugleich wird die Forderung nach Legalisierung erhoben. Ein Unrechtsbewußtsein existiert im Graffiti-Bereich nicht. Das macht die Szene wiederum interessant für linke Kulturstrategen. Denn wer das Ziel einer umfassenden Umwälzung der Besitzverhältnisse im Hinterkopf hat, wird hellhörig, wenn er von einer Subkultur hört, die offenbar keinen Respekt vor dem Eigentum anderer kennt.
Doch die Subversion hat eine Kehrseite. Die Sprayer setzten der grellen Reizüberflutung unserer Städte schließlich kein echtes Contra, sondern steigern den Effekt mit ihren bunten Bildern noch. Die Ironie der Geschichte bzw. die Logik des Kapitalismus bringt es deshalb mit sich, daß viele Sprayer später als Design-Studenten und danach mehr oder minder in der Werbewirtschaft enden. Kreise schließen sich, kaum jemand kann sich dem System entziehen. Er bleibt Rädchen im Getriebe der großen Maschine. Und so werden selbst die subversiven Elemente stets als Jungbrunnen vom Marktsystem vereinnahmt.
Die Kids der Unterschichten hingegen interessiert dieser „geistige Überbau" nicht. Und sie sind es auch vor allem, die vielen kleinen Schmierer und Kritzler, die bei den normalen Bürgern einen Eindruck städtischer Verschmutzung hinterlassen. Mit der Spraydose oder auch nur dem Edding-Stift hinterlassen sie auf S-Bahnsitzen, Haustüren oder Bäumen ihre „Tags" - kryptisch verschnörkelte Initialen, persönliche Kennzeichen der Sprayer zur plumpen Reviermarkierung. Nach der „broken windows"-Theorie zieht ein Schmierer den nächsten zudem rasch nach sich. Der Bürger fühlt sich ohnmächtig, und selbst den Mittelschichten-Kindern, die Graffiti als Kunst betrachten, dämmert langsam, daß die Akzeptanz der Gesellschaft gegenüber den „Tags" im Schwinden ist.
Letztendlich ist illegales Graffiti ein Anzeiger für die Abnahme sozialer Werte und intakter gesellschaftlicher Gefüge. Wer das Eigentum anderer Menschen achtet, wer in einen engen sozialen Kontext eingebunden ist, wird nicht den Egoismus besitzen, anderen seine Farborgien eigenhändig aufzwingen zu wollen. Er wird seine Kunst nicht alleine und gegen, sondern nur mit den anderen Bürgern verwirklichen wollen. Je beziehungsloser eine Gesellschaft zu ihren materiellen und immateriellen Werten ist, je weniger Bindung ihrer Glieder zueinander besteht, umso rascher ist man dabei, einfach im Vorbeigehen fremde Wände, Fahrzeuge oder Telefonzellen zu verunzieren.
Man kann dem lästigen Problem auf drei Wegen begegnen - Strafverfolgung, Einrichtung von Entfaltungsräumen und kritische Einkehr der Gesellschaft: Jahrelang war der Staat untätig, waren Schmierereien nicht strafbar. Im Gegensatz zu den USA und Skandinavien, wo für wiederholtes Sprayen teils lange Haftstrafen drohen. Hier muß endlich Respekt durch staatliche Autorität beigebracht werden. Jungen Künstlern mit der Sprühdose sollte im Gegenzug aber auch legaler Raum zur Entfaltung zugestanden werden. Zuletzt muß sich eine Gesellschaft Fragen zu ihrem Lebensstil stellen, der immer beziehungsloser, amerikanischer zu werden droht, und in dem Graffiti nur einen Teil des Gesamtproblems darstellt.
Claus-M. Wolfschlag

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Zum Vergleich:
So erschien der Text in der „Jungen Freiheit" vom 5.5.2006

Graffiti - Soziale Verwahrlosung
Der Schaden ist beträchtlich: Jährlich werden bundesweit etwa 500 Millionen Euro benötigt, um Graffiti-Schäden zu beseitigen. Gerade in den Ballungsräumen werden Immobilienbesitzer mit ständigen Verunzierungen ihrer Hauswände belästigt, müssen Verkehrsbetriebe enorme Summen für die Reinigung von Bussen, Bahnen und Gebäuden aufbringen.
Um Graffiti verstehen zu können, muß man den Hintergrund sehen. Für junge Sprayer aus bürgerlichen Elternhäusern und gehobenen sozialen Schichten bedeutet das illegale Sprayen vor allem einen Adrenalin-Kick. Man verübt allenfalls sanfte Gewalt gegen Sachen, kann sich aber mit der Polizei spannende Katz-und-Maus-Spiele liefern. „Begründet" wird dieses Verfahren mit der Rückgewinnung von öffentlichem Raum, der von der Erwachsenenwelt entzogen worden ist. Und tatsächlich ist die „Verwahrlosung" der Jugend auch ein Resultat von „Verwahrlosung" der Erwachsenen. Täglich werden aus plumpem Profitstreben sterile Betonmauern, Autobahnrampen, Fertigbauhallen in unsere Heimat geklotzt, werden Straßen und Hausfassaden mit Werbetafeln, immer größer und aggressiver leuchtend, zugepflastert. Nur in seltensten Fällen spielen dabei ästhetische Überlegungen eine Rolle.
Doch die Sprayer setzten der grellen Reizüberflutung unserer Städte schließlich kein echtes Contra, sondern - Ironie der Geschichte - steigern den Effekt mit ihren bunten Bildern noch. Sie bleiben Rädchen im Getriebe, und so werden selbst die subversiven Elemente stets als Jungbrunnen vom Marktsystem vereinnahmt.
Die Kids der Unterschichten hingegen interessiert dieser „geistige Überbau" nicht. Und sie sind es auch vor allem, die vielen kleinen Schmierfinken, die bei den normalen Bürgern einen Eindruck städtischer Verschmutzung hinterlassen. Mit der Spraydose oder auch nur dem Edding-Stift bringen sie auf S-Bahnsitzen, Haustüren oder Bäumen ihre tags an - kryptisch verschnörkelte Initialen, persönliche Kennzeichen der Sprayer zur plumpen Reviermarkierung. Nach der broken windows-Theorie zieht ein Schmierer den nächsten zudem rasch nach sich. Der Bürger fühlt sich ohnmächtig, und selbst den Mittelschichten-Kindern, die Graffiti als Kunst betrachten, dämmert langsam, daß die Akzeptanz der Gesellschaft gegenüber den tags im Schwinden ist.
Letztendlich ist illegales Graffiti ein Anzeiger für die Abnahme sozialer Werte und intakter gesellschaftlicher Gefüge. Wer das Eigentum anderer Menschen achtet, wer in einen engen sozialen Kontext eingebunden ist, wird nicht den Egoismus besitzen, anderen seine Farborgien eigenhändig aufzwingen zu wollen. Je beziehungsloser eine Gesellschaft zu ihren materiellen und immateriellen Werten ist, je weniger Bindung ihrer Glieder zueinander besteht, umso rascher ist man dabei, einfach im Vorbeigehen fremde Wände, Fahrzeuge oder Telefonzellen zu verunzieren.
Jahrelang war der Staat untätig, waren Schmierereien nicht strafbar. Im Gegensatz zu den USA und Skandinavien, wo für wiederholtes Sprayen zum Teil sogar empfindliche Haftstrafen drohen. Auch in Deutschland muß den Verursachern dieser Verwahrlosung wieder Respekt durch staatliche Autorität beigebracht werden.
Claus-M. Wolfschlag